Grasnarben.
Ein Kunstprojekt gegen das Vergessen.
Von 1942 bis 1944 planten und bauten die Nationalsozialisten eine 2685 Kilometer lange Verteidigungslinie an den Küsten des Atlantiks, des Ärmelkanals und der Nordsee, den so genannten Atlantikwall. Dieser sollte eine Invasion der Westalliierten verhindern. Als Arbeitskräfte wurde auch die Bevölkerung der besetzten Gebiete in Frankreich, Belgien, Dänemark, Norwegen, den Niederlanden, den britischen Kanalinseln und aus Osteuropa als Zwangsarbeiter eingesetzt. 291.000 Mann arbeiteten an der Verteidigungslinie, darunter u. a. 85.000 Franzosen. Strategisch relevante Gebäude und Ländereien wurden dafür enteignet. Geschützstellungen und 8119 Bunker wurden entlang der Küste errichtet, die durch meterlange Gräben und Tunnelsysteme verbunden waren, weite Geländeteile wurden vermint.
Zahlreiche Überreste des Atlantikwalls sind bis heute stumme Zeugen der Geschichte. Überwucherte Bombenkrater in der Landschaft sind ebenso deutlich sichtbare Narben wie Betonbunker an den Stränden und im Hinterland oder Teile der von den Alliierten nach dem D-Day errichteten künstlichen Häfen, die am Strand von Arromanches-les-Bains, dem Gold Beach, wie apokalyptische Kolosse in die Landschaft ragen.
Der Umgang mit dieser Vergangenheit ist bei den beteiligten oder betroffenen Nationen ganz unterschiedlich. Viele Jahre lang waren die betreffenden Orte in der Normandie in Vergessenheit geraten. Bunkeranlagen wurden zugeschüttet, enteignete Gebiete nach dem Krieg wieder zu Feldern und Weideland gemacht. Die so genannte „Maisy Battery" bei Grandcamp Maisy etwa wurde erst mehr als 60 Jahre nach dem Krieg wiederentdeckt, die verschütteten Bunkeranlagen freigelegt und für Besucher zugänglich gemacht. Museen und Gedenkorte beleuchten heute unterschiedliche Aspekte der Geschichte. Es werden Führungen für TouristInnen angeboten. In Courseulles-sur-Mer zeugt ein kanadisches Museum am Juno Beach von den geschichtlichen Ereignissen des D-Day, bei dem am 6. Juni 1944 150.000 alliierte Soldaten in der Normandie landeten, um eine zweite Front gegen das Dritte Reich im Westen zu eröffnen. Allein an diesem Tag starben tausende Soldaten. Die Landungsstrände heißen Sword, Juno, Gold, Omaha und Utah Beach. An diesen Stränden gibt es heute Badetourismus genauso wie Gedenkfeiern von vor allem amerikanischen, britischen und kanadischen Veteranen des Zweite Weltkriegs und deren Angehörigen. Am so genannten Omaha Beach befindet sich ein großer amerikanischer Soldatenfriedhof mit einem Monument zum Gedenken an die bei der Landung der Alliierten in der Normandie gefallenen amerikanischen Soldaten und ein Museum.
Den oben genannten Orten in der Normandie habe ich mich 2023 bei einer Fotorecherche angenähert. Reste von Bunkeranlagen, Krater in der Landschaft und schwimmende Kolosse der Überreste des künstlichen Hafens an paradiesischen Stränden zeugen von der leidvollen Vergangenheit dieses Landstrichs. Diese Narben in der Landschaft sind auf den ersten Blick oft nicht mehr zu erkennen, die Natur hat sich den Raum zurückerobert. Manchmal sind nur noch Mulden in der Wiesenoberfläche zu sehen. Aus diesen „Grasnarben" entstand der Titel für das Kunstprojekt. An anderen Stellen muten die kolossalen Relikte aus dem Zweiten Weltkrieg in der Natur bizarr an.
Aus meiner Fotorecherche entsteht nun eine Bilderserie in Form von Malerei und Zeichnung. Die Arbeiten sehen zunächst wie Landschaftsmalerei und Naturskizzen aus. Doch irgendetwas stört beim Betrachten. Eine unnatürliche kreisrunde Mulde entpuppt sich als Bombenkrater, der von einer Blumenwiese überwachsen wurde. Wie Felsen anmutende und von Algen überwucherte Objekte am Strand enthüllen sich bei genauerem Hinsehen als umgekippte Pontons der schwimmenden Häfen der Westalliierten aus dem Zweiten Weltkrieg.
Der zeitgeschichtliche Hintergrund der gemalten Landschaft ist nicht gleich ersichtlich. Sie ist jedoch ein Dokument der Zeit vor, zwischen und nach den beiden Weltkriegen. Mit der Serie „Grasnarben" möchte ich die Schrecken der Vergangenheit wieder ins Bewusstsein rufen und Parallelen zwischen früher und heute sichtbar machen. Gegen das Vergessen, damit sich Geschichte nicht wiederholt.